Anders arbeiten

Ich will mal versuchen, wieder etwas mehr zu bloggen. Schreiben als Therapie. Es müssen ja nicht immer die ganz großen Themen sein. Vielleicht eher ein paar kleine Rückblicke auf das, was letzte Woche so war. Los geht‘s …

Letzte Woche war erst mal ganz normal Arbeiten angesagt. Aber was heißt schon ganz normal? Es ist faszinierend, wie sich Arbeit in den letzten Jahren und Jahrzehnten geändert hat. Die Geschichte der Arbeitszeit ist eine Geschichte der Arbeitszeitverkürzung, und das ist natürlich gut so. Die Wochenarbeitszeit in Deutschland lag um 1900 bei etwa 60 Stunden, nach dem 2. Weltkrieg noch bei etwa 48 Stunden. Heute liegen wir bekanntlich irgendwo um die 40 Stunden. Und man muss kein Visionär sein, um zu ahnen, dass die Entwicklung angesichts Robotik, KI und Automatisierung so weiter gehen wird, wenn für immer mehr repetitive Tätigkeiten die menschliche Arbeitskraft nicht mehr benötigt wird.

Parallel dazu hat sich – zumindest in meinem Wahrnehmungsbereich – die Auffassung massiv geändert, dass sehr viel zu arbeiten irgendwie vorbildlich sei. Ich stehe dem Arbeitsmarkt ja nun seit rund 20 Jahren zur Verfügung, und damals war es schon noch ein Arbeits-Ideal, als erster zu kommen und als letzter zu gehen – ein Ideal, dem idealerweise „der Chef“ besonders nahe gekommen ist, weil er ja der beste aller Arbeiter war. Hat sich definitiv geändert. Sicher nicht überall, aber so einem Vielarbeiter würde man heute tendenziell weniger anerkennend auf die Schulter klopfen, was für ein toller Kerl er ist und wie er sich fürs Unternehmen aufopfert, als eher zu fragen, ob er sein Zeitmanagement nicht im Griff hat und nicht mal lernen sollte, Prioritäten zu setzen.

Einer unserer Kunden hat jedenfalls in seiner Kanzlei nun die 25-Stunden-Woche eingeführt, worüber auch die Presse berichtet.

Unabhängig von der Länge oder Kürze der Arbeitszeit ist für mich persönlich die Flexibilisierung von Arbeit eine der größten Errungenschaften der letzten Jahre: sich unabhängig von Ort und Zeit die Arbeit so zu organisieren, dass sie für alle Beteiligten den größten Nutzen bringt. Von Seiten der Betriebsräte kommt in der Regel der Einwand, dass das nicht nur ein Segen ist, sondern auch zu Lasten der Arbeitnehmer gehen kann – und da ist was dran. Immer und überall arbeiten zu können, weil die Arbeit quasi nur einen Klick entfernt ist, heißt auch zu lernen, nicht immer und überall arbeiten zu müssen. Sonst nähern wir uns trotz sinkender offizieller Wochenarbeitszeiten langsam wieder dem Niveau von 1900 an.

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Noch ein Wort zu Hanau … Nein, kein Politiker hat den Abzug gedrückt. Aber selbstverständlich hat sich das Klima in diesem Land dramatisch geändert, die Art und Weise, wie über bestimmte Themen geredet wird, was heute salonfähig ist, welcher Diskurs als öffentlichkeitsfähig gilt, welche Beleidigungen und Drohungen schon nicht mehr justiziabel sind … Das hat die Gesellschaft verändert und es hat Taten wie die in Hanau möglicher gemacht. Und daher ist es völlig richtig, dass der politische Arm der Rechtsextremisten formerly known as Pegida und AfD für die Taten der Rechtsextremisten mitverantwortlich sind. Dass sie sich selbst nun als Opfer bezeichnen, weil man ihnen diesen Vorwurf macht, diese Umkehrung der Täter-Opfer-Perspektive, ist nur ein weiterer Beleg für ihre Schäbigkeit. Was das Ganze noch trauriger macht, ist, dass diese Erkenntnis weder neu ist noch jemanden überraschen kann. Vor fünf Jahren habe ich hier im Blog zum ersten Mal über die völkischen Wurzeln von Pegida & Co. geschrieben und seitdem zu viel Zeit in rechten Filterblasen verbracht, in denen der Mord an vermeintlich „Fremden“ schon lange in Facebook-Texten und -Bildern phantasiert wurde. Nein, es kann niemanden überraschen: Die Rechtsextremisten in diesem Land wollen die Gesellschaft, wie wir sie kennen, zerstören, und sie tun das als Politiker mit Worten und als Terroristen mit Taten. Das zu verhindern ist Aufgabe eines wehrhaften Staates und jedes einzelnen von uns.

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Wald ist nicht gleich Wald. Das müssten bitte auch mal Umweltschützer zur Kenntnis nehmen, die gestern noch für „Hambi“ gekämpft haben und heute die Rodung eines absurd hässlichen und unnatürlichen Nutzwaldes durch Tesla im Brandenburger Hinterland verhindern woll(t)en. Von diesen Kiefern-Monokulturen können wir hier in Mittelfranken ein Lied singen. Unsere Kiefern-Wälder sind teils schon Jahrhunderte alt, das macht sie aber nicht besser. Die Ursache für die Verwandlung des ursprünglichen Mischwaldes in Monokultur ist immer dieselbe: der Mensch. Eine Zukunft haben diese Monokulturen nicht, dafür sorgt spätestens der Klimawandel, für den wiederum, und das birgt zumindest ein klein wenig Ironie, ebenfalls der Mensch erheblich mitverantwortlich ist. Umweltschützer müssten also eigentlich fordern, dass man allenthalben dem Tesla-Beispiel folgend Monokultur platt macht und statt dessen Mischwald neu aufforstet.

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Eines der schönsten pseudomedizinischen Quatsch-Themen: die Aktivierung oder Stärkung des Immunsystems. Die Zahl der Mittelchen, die euch die Gesundheitsindustrie in Drogerien, Apotheken oder schlicht bei Aldi und Lidl dazu andrehen will, ist Legion. Irgendwelche Vitamin-Cocktails. Zink, ganz wichtig. Und natürlich Echinacea, aber unbedingt in homöopathischer Dosis (je stärker verdünnt, desto wirksamer, ihr wisst schon). In Wahrheit gibt es vor allem zwei Dinge, die das Immunsystem stärken, und die sind auch noch komplett kostenlos (weshalb die Gesundheitsindustrie sie nicht ganz so gerne propagiert): mehr Schlaf; und weniger Stress. Ach ja, und natürlich Impfungen. Die aktivieren euer Immunsystem aber mal richtig. Mehr dazu hier nachzulesen.

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Sehenswert (1): Dass es Schiedsrichter nicht immer gemütlich haben, hat man schon gehört. Vor allem im Nicht-Profi-Bereich, wenn Mami und Papi so stolz auf den Nachwuchs-Kicker sind, dass sie dem Schiedsrichter lautstark Pest und Cholera wünschen und ab und zu auch mal real Gewalt antun, wenn er es wagt, den kleinen Liebling vom Platz zu stellen. Vor diesem Hintergrund fand ich diese kompakte ARD-Doku über den Bundesliga-Schiedsrichter Deniz Aytekin interessant, der Wochenende für Wochenende die sicher auch nicht immer ganz einfachen Profi-Fußballer bändigt und damit auch Vorbild für viele Nachwuchs-Schiedsrichter ist.

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Sehenswert (2): Aus der Vielfalt winterbedingt konsumierter Serien sticht The Knick von Steven Soderbergh heraus (auf Sky). Schauplatz ist das Knickerbocker-Krankenhaus in New York um 1900. Die Medizin steckt noch in den Kinderschuhen und die Chirurgie hat was von einem blutigen und oft tödlichen Experimentierfeld. Wie immer bei guten historischen Serien, wird man bestens unterhalten und lernt wahnsinnig viel dazu. Zum Beispiel dass Kokain (produziert von Merck) damals Betäubungsmittel Nummer 1 war, bis man merkte, dass es da ein, zwei Nebenwirkungen gab. Dann stieg man um auf was viel besseres: Heroin (produziert von Bayer). Nach dem Betrachten von Staffel 1 ist man jedenfalls heilfroh, heute zu leben und sich Derartiges am Bildschirm antun zu dürfen.

 

7 Gedanken zu “Anders arbeiten

  1. Lieber Herr Buggisch, zu Ihren Arbeits-Gedanken muss ich etwas sagen. Ja, Arbeitszeitverkürzung ist gut. Aber bei der Arbeit kommt es darauf an, wie man sie sieht: als Müh und Plage oder als Aufgabe, die einen fordert und erfüllt. Im letzteren Fall kommt es nicht so sehr darauf an, möglichst wenig Zeit für die Arbeit zu brauchen. Arbeiten ist dann nicht gleichzusetzen mit malochen. Arbeit kann Freude machen und Erfüllung geben. Was bedeutet „anders arbeiten“ im Hinblick auf weniger Zeit? Mir ist das aus dem Blogbeitrag, abgesehen von weniger repetitiven Tätigkeiten, nicht klar geworden. Vielleicht ist inzwischen ja Führung und Verantwortung neu definiert worden. Was hätte ich (und manche meiner früheren Kollegen) wohl getan, wenn mir jemand gesagt hätte, ich würde mein Zeitmanagement nicht im Griff haben und die falschen Prioritäten setzen? Herzliche Grüße – Siegbert Rudolph

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  2. Lieber Herr Rudolph, das Thema wird zurzeit ja sehr intensiv diskutiert (Stichwort, natürlich denglisch: „new work“) und ist sehr umfangreich. Und umfangreich wollte ich mich dazu gar nicht äußern. Mir ging es nur um die beiden Aspekte Zeit und Flexibilität. Natürlich ist es nicht automatisch schlecht, wenn jemand sehr viel Zeit für Arbeit investiert. Aber früher war es nun mal auch so, dass Arbeit = Anwesenheit war und mehr Arbeit = längere Anwesenheit. Und das wurde dann gelegentlich zur Gleichung: länger anwesend = besserer Arbeiter/Angestellter. Diese Gleichung musste man schon früher in Frage stellen, heute erst Recht. Denn durch die Flexibilisierung von Arbeit stimmt das mit der Anwesenheit nicht mehr. Ich kann zu Hause (fast) genauso gut arbeiten wie im Zug, im Hotel oder im Büro. Hardware, Bandbreite und Umdenken sei Dank. (Natürlich lässt sich nicht die gesamte Arbeit flexibilisieren, es gibt schon noch einige Tätigkeiten, für die man vor Ort sein sollte oder muss.) Wie passt das zu einer Zeiterfassung, die auch heute noch das Betreten und Verlassen eines Standorts protokolliert? Eigentlich gar nicht. Ob ich gut oder schlecht arbeite lässt sich heute also auf keinen Fall mehr daran fest machen, wie viel ich wo anwesend bin. Es lässt sich ausschließlich an Leistung fest machen, wie und wo ich die erbringe und wie viel Zeit ich dafür aufwenden muss, lässt sich schwer bis gar nicht kontrollieren. Umso wichtiger wird eben der Aspekt der Selbstkontrolle, den ich auch im Blog angedeutet habe.

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  3. Ja, lieber Herr Buggisch, auf die Leistung und nicht auf die Anwesenheit kommt es an. Da stimme ich Ihnen zu. Aber das war schon immer so. Ausnahmen bestätigen die Regel, und die Arbeitszeit war, zumindest bei den Unternehmen, die ich kenne, nie der einzige Faktor der Vergütung. Leistung lässt sich aber manchmal gar nicht so leicht messen, und das ist das Problem. Wohl dem, dessen Chef oder Chefin, die die Leistung kompetent beurteilen kann. Und damit wären wir dann schon beim nächsten Problem. Ja, Sie haben Recht, das Thema ist sehr umfangreich!

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  4. Lieber Christian, danke für den neuen Beitrag. Sie schreiben zur Arbeitszeitverkürzung, „dass die Entwicklung angesichts Robotik, KI und Automatisierung so weiter gehen wird, wenn für immer mehr repetitive Tätigkeiten die menschliche Arbeitskraft nicht mehr benötigt wird.“ Dazu muß ich kurz ein Erlebnis von heute morgen erzählen. Ich bin ein kleiner Arbeitgeber, und die eine Mitarbeiterin ist gerade Mutter geworden. Das führt dazu, daß sie in den Wochen vor und nach der Geburt kein Gehalt mehr bekommt, sondern von der Krankenkasse eine „Entgeltersatzleistung“ erhält und vom Arbeitgeber einen Zuschuß, so daß der ursprüngliche Nettoverdienst wiederhergestellt ist, und die Krankenkasse diesen Zuschuß dem Arbeitgeber auf Antrag wiederum erstattet. In unserem Fall wurde auch noch die Entgeltersatzleistung der Krankenkasse zwischen dem Hauptarbeitgeber (uns) und dem Minijobnebenarbeitgeber aufgeteilt, so daß entsprechend der Zuschuß von uns höher ausfällt und mehr Erstattung beantragt wurde. Ich hatte heute die aufgelöste Mitarbeiterin einer großen Krankenkasse am Telephon, die das Problem verstand, aber wirklich nicht weiter wußte. „Ich habe schon alle Häkchen entfernt … Er [der Rechner] nimmt es einfach nicht. … Hier sind alle krank, ich gehe bald in den Urlaub …“ Ich frage mich: Wie viele Arbeitsstunden gehen auf der Seite der Krankenkassen und der Arbeitgeber drauf, die alle ähnliche Probleme haben werden? Und es stellen sich weitere Fragen: In der Produktion von Waren wird die Produktivität (der Output pro Mannstunde) immer größer. Aber wie sieht es bei den (bürokratischen) Dienstleistungen aus? (Und viele Dienstleistungen sind bürokratisch, nicht nur in Ämtern.) Hat da mal jemand die Produktivität gemessen? Wie wird das Wettrennen ausgehen zwischen mehr Erleichterung durch Rechnerprogramme, künstliche Intelligenz und so weiter und mehr Aufwand durch (deutsche) Komplizierung aller Vorgänge? Wie produktiv kann man sein, wenn die Rechnerprogramme keine Ausnahmen vorsehen und den Nutzer bevormunden beziehungsweise ihm keine eigene Verantwortung mehr gewähren? — Viel zu viele Fragen für eine Antwort auf einen Blog. Aber daß die Arbeit immer besser von der Hand geht und wir alle bald viel Freizeit haben, halte ich für ein Märchen. Viele Grüße Johannes Nebe

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    • Ja, einfach ist das alles nicht. Was die Automatisierung angeht, folge ich weitgehend der Argumentation von Richard David Precht, der (sehr verkürzt dargestellt) davon ausgeht, dass künftig viel an menschlicher Arbeit durch KI und Maschinen erledigt werden wird (aber natürlich nicht alles). Die größten „Verlierer“ dieser Entwicklung werden gering qualifizierte Beschäftigte sein, die man auch nicht ohne Weiteres auf andere anspruchsvollere Jobs „umheben“ kann. Daher plädiert er für ein Grundeinkommen. Die Produktivität bleibt ja hoch, der Wohlstand entsprechend, die Frage ist nur, wie man ihn dann verteilt. Größtenteils wie bisher an den arbeitenden/besitzenden Teil der Bevölkerung würde die Schere zwischen Arm und Reich nochmal deutlich weiter aufmachen. Und wenn Automatisierung den Menschen von Arbeit entlastet, muss man auch nicht mehr nur Arbeit bezahlen. Das wäre aber dann wirklich ein Thema für zahlreiche weitere Blogbeiträge …

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  5. Ich finde ja, dass alle Diskussionen über Arbeit keinen Wert haben, solange sie nur von Menschen geführt werden, die in Büros, im Zug oder von zuhause arbeiten. Das ist doch nur ein kleiner Ausschnitt der Gesellschaft.

    Viel mehr Menschen stehen jeden Morgen im Stau oder versuchen in der U-Bahn noch ein wenig zu schlafen, bevor sie dann die Toiletten am Flughafen putzen oder Kartoffeln schälen oder tote Rinder zerlegen – und abends selbst halbtot ins Bett fallen.

    Ich weiß nicht, ob da Automatisierung und „Künstliche Intelligenz“ etwas ändern, solange es Arbeit für 15 € pro Stunde gibt (falls man überhaupt legal bezahlt). Dieser Bereich der Arbeitswelt ist für mich aber auch ein gutes Argument für ein Grundeinkommen, weil ich mir hier tatsächlich vorstellen kann, dass Menschen dann den Job im Schlachthof sein lassen oder um bessere Bezahlung verhandeln. Die Ärzte und Anwälte und Professoren, die ihr Sozialprestige aus der Arbeit ziehen, werden auch mit Grundeinkommen nicht untätig sein (und außerdem immer noch mehr verdienen wollen). Gut, ich persönlich würde Spionageromane schreiben, aber das ist wohl die Ausnahme. :-)

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    • Na ja, ca. 50 Prozent der deutschen Arbeitnehmer haben Büroarbeitsplätze, habe ich gelesen … Das ist also schon ein bisschen relevant. Und gerade die von dir genannten einfachen Tätigkeiten lassen sich nach Prechts Auffassung ganz gut rationalisieren und automatisieren. Mehr aber noch einfache Bürojobs (Buchhalter) oder Dienstleistungen wie einen Bus von A nach B zu fahren. Immerhin für Teile des Handwerks sieht es seiner Meinung nach gut aus und für Jobs, bei denen die Menschen lieber mit Menschen als mit Maschinen interagieren wollen …

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