Homöopathie verstehen (2): Potenzieren

Nachdem wir uns im letzten Teil dieser kleinen Serie mit dem Simile-Prinzip als Grundlage der Homöopathie beschäftigt haben, geht es diesmal um den Zauber großer (bzw. kleiner) Zahlen, um den Unterschied zwischen wenig und nichts – mit anderen Worten: um das homöopathische Potenzieren bzw. Verdünnen …

Das dürfte jeder schon mal gehört haben: Homöopathen verabreichen ihre Mittel in sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr … sehr … sehr, sehr, sehr (sehr!) verdünnter Form. Das unterscheidet Homöopathie übrigens von pflanzlicher Heilkunde. Eine Medizin mit pflanzlichen Wirkstoffen ist etwas völlig anderes als ein homöopathisches Mittel – eben weil es einen nachweisbaren Wirkstoff enthält.

Vieles dabei lässt sich rational nicht erklären. So glauben die Homöopathen kurioserweise, dass ein Mittel um so stärker wirkt je mehr es verdünnt wurde. Und die Verdünnung wird von allerhand Ritualen begleitet, die man nicht anders als „magisch“ bezeichnen kann. Doch dazu ein andermal mehr.

Rational erklärbar: die Verdünnung

Heute soll es nur um die Verdünnung gehen, und die lässt sich immerhin  naturwissenschaftlich und mathematisch erklären und nachvollziehen: Die Wirkstoffe werden im Verhältnis 1:10 (so genannte D-Potenzen) oder 1:100 (C-Potenzen) verdünnt. Und das beliebig oft hintereinander.

Bergwohlverleih - ArnicaNehmen wir als Beispiel Arnica, auch Bergwohlverleih genannt, das sowohl in der pflanzlichen Heilkunde als auch bei Homöopathen beliebt ist. Erstere nehmen sie zum Beispiel zur äußeren Anwendung bei rheumatischen Beschwerden, Letztere verdünnen sie.

Nehmen wir an, wir haben 1 Tropfen Arnica-Lösung und fügen 9 Tropfen Wasser hinzu, dann haben wir eine 1:10-Verdünnung (weil 1 Teilchen von 10 Teilchen Arnica ist), auch D1 genannt. Aus dieser verdünnten Lösung nehmen wir wieder einen Tropfen, fügen erneut 9 Tropfen Wasser hinzu (verdünnen also das Ganze nochmal im Verhältnis 1:10), fertig ist eine D2-Verdünnung. Und so geht es immer weiter. Wir können zu einem Tropfen Arnica auch 99 Tropfen Wasser hinzufügen (Verhältnis 1:100), dann haben wir eine C1-Verdünnung, bald eine C2-Verdünnung und so weiter.

Arnica im Atlantik

Nun ist das mit Potenzen so eine Sache. In der Mathematik entstehen dabei sehr schnell sehr große Zahlen und beim Verdünnen eben sehr schnell sehr starke Verdünnungen. D1 bedeutet beim Verdünnen ein Verhältnis von 1:10, D2 1:100, D3 1:1.000, D4 1:10.000 und so fort. Bei einer D4-Verdünnung haben wir also einen Tropfen Arnica gemischt mit 9.999 Tropfen Wasser – das ist ungefähr ein halber Liter.

So weit, so übersichtlich, aber ab jetzt erreichen wir schnell beeindruckende Größenordnungen. D8 ist schon eine Verdünnung im Verhältnis 1:100.000.000, das ist 1 Tropfen Arnica gelöst in 25 Badewannen voll Wasser. D12 ist ein Tropfen im Bodensee. Bei einer D20-Verdünnung müssen wir unser Arnica-Tröpfchen in den Atlantik schütten (und ordentlich umrühren). Ab einer D23-Verdünnung ist rechnerisch (nach dem Überschreiten der so genannten Avogardo-Konstante) kein Molekül der Ursprungssubstanz mehr vorhanden (und sowieso nicht nachweisbar). Und das ist ja auch einleuchtend, denn für D23 versenken wir unser armes Arnica-Tröpfchen in jeder Menge Atlantike. Ab D23 also: nur noch Wasser, kein Bergwohlverleih. Gar keiner. Nothing, nada, rien.

Arnica C30 – garantiert frei von Arnica

Arnica C30Arnica, das wissen die Homöopathie-Fans unter euch, wird in der Regel als Arnica C30 angeboten. Das ist eine Verdünnung jenseits von gut und böse und vor allem jenseits jeglichen Vorstellungsvermögens. Ganz grob: Man müsste ein Gefäß von der Größe der Erde haben und mit Wasser füllen. Aber nicht einmal, sondern zig-Billionen mal. Da kommt unser Arnica-Tropfen rein, kräftig umrühren, fertig ist die C30-Lösung. Zur Herstellung von Arnica C30-Globuli muss man die Lösung nur noch über Zuckerkügelchen sprühen.

Ich hab’s an anderer Stelle schon mal geschrieben: In Leitungswasser, Frankenwein, Schweinshaxn mit Kloß und Kraut oder holländischen Gewächshaustomaten ist mehr Arnica als in Arnica C30 enthalten, das von Arnica so gründlich gereinigt wurde wie kein zweiter Stoff auf der Welt. Mit anderen Worten: Die sicherste Methode auf der ganzen Welt, garantiert nicht die geringste Spur von Arnica zu sich zu nehmen, ist ein, zwei, siebzehn oder eine Millionen Arnica-Globuli zu futtern.

Aber halt, werdet ihr sagen. Homöopathen verdünnen nicht nur, sie sorgen dafür, dass sich das Wasser an den ursprünglich enthaltenen Wirkstoff erinnert!

Dazu mehr in Teil 3 dieser kleinen Serie …

tl;dr

Das homöopathische Prinzip des Verdünnens führt sehr zuverlässig dazu, dass in handelsüblichen Globuli nichts, aber auch gar nichts vom ursprünglichen und deklarierten Wirkstoff enthalten ist. Sie bestehen ausschließlich aus Zucker, weshalb sie, wie ein Kritiker kürzlich zu Recht schrieb, nicht in die Apotheke, sondern in die Süßwarenabteilung des Supermarkts gehören. Gleich neben Snickers und Gummibärchen.

Mehr lesen, um Homöopathie zu verstehen

 

Bildnachweis: Гомеопатические гранулы via photopin (license)


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18 Gedanken zu “Homöopathie verstehen (2): Potenzieren

  1. Hier passt eins meiner Lieblingszitate (ich weiß leider nicht mehr von welchem Kabarettisten es stammt): „Homöopathie ist, wenn man bei Würzburg die Autoschlüssel in den Main wirft und dann in Frankfurt versucht, das Auto mit dem Flusswasser anzulasssen.“

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  2. Netter Artikel, nur wieder mit dem gleichen alten Fehler, der beinahe regelhaft selbst in den belesensten Kreisen nicht totzukriegen ist. Der Typ mit der Teilchenzahl hieß A-V-O-G-A-D-R-O, nicht Avogardo, Avocado, Advocato oder sonstwie. Bitte korrigieren. Danke.

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  3. Tja mein Kind.
    Normalerweise tut man so was nicht, aber Ihnen wünsche ich eine Krankheit an den Hals.
    Was blödes.
    Mit Schmerzen.
    Viel Schmerzen.
    Und nur Homöopathie würde helfen.
    Wie mir einmal vor Jahren.
    Schmerzen.
    Bei Nacht.
    Extreme Schmerzen.
    Die Hölle.
    Ein 1/2 Jahr.
    Alle Experten aufgesucht.
    Uni-Klinik, was weiß ich.
    Bis einer meinte, geh mal zu dem.
    Tropfen genommen.
    Wo nix drin war.
    Dann eine Woche 40 ° Fieber.
    Und dann keine Schmerzen mehr.
    Können Sie sich das vorstellen ?
    Nach einem halben Jahr keine Schmerzen mehr ?
    Hä ?
    Und ? Tut Ihnen schon irgendwas weh ?
    Ich hoffe.

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