Google Street View – der natürliche Feind der Süddeutschen Zeitung

Ich hatte mir eigentlich geschworen, nichts zu Google Street View und zur Hysterie in Deutschland um diesen Dienst zu bloggen. Das ist nicht gut für meinen Blutdruck. Aber jetzt muss es doch sein. Verantwortlich für meinen Sinneswandel: die Süddeutsche Zeitung.

Ich mag die SZ, ich lese sie schon ewig, ich habe mich an sie gewöhnt. Frühstück ist für mich Kaffee und Süddeutsche, so einfach ist das. Aber der Artikel zu Google Street View in der heutigen Print-Ausgabe hat mir umgehend die gute Laune verdorben.

Die übliche Anti-Google-Rhetorik

Kein Wort zu den Vorteilen, die Street View bietet, statt dessen langweilt der Artikel mich mit einem an den Haaren herbeigezogenen Beispiel: ein kleiner dicker Mann auf dem Hamburger Kiez, der von einer bestimmten Perspektive aus vielleicht zu sehen ist. Dazu die inzwischen leider übliche Anti-Google-Rhetorik (die „schwarzen Autos“ des „mächtigen Internetkonzerns“, die jeden fotografiert haben, der nicht rechtzeitig vor den Kameras geflohen ist und so weiter und so weiter).

Das Beste hat sich die SZ-Journalistin aber für den Schluss aufgehoben:

Auch Google selbst scheint komplette Transparenz nicht gern zu haben. Wer die Filiale des mächtigen Internetkonzerns in München per Street View besichtigen will, der wird enttäuscht. Das komplette Gebäude ist gepixelt. Welcher Mitarbeiter dafür gesorgt hat, ist unbekannt.

Viel mehr Unsinn kann man in so wenigen Worten nicht schreiben. Die Autorin suggeriert, der „Konzern“ habe sein eigenes Gebäude verpixelt. Aber es gibt natürlich kein Google-Gebäude in München. Google hat seine Büros wie viele andere Firmen und Personen im Alten Hof in München (zum Beispiel Bayern München-Arzt Dr. Müller-Wohlfahrt, aber das nur am Rande). Und natürlich hat kein Google-Mitarbeiter die Verpixelung veranlasst, sondern ein anderer Mieter im Gebäude. Um das zu erfahren, hätte man mal schnell beim Google-Sprecher Stefan Keuchel nachfragen können, zum Beispiel via Twitter, dann geht’s besonders schnell. Aber dann hätte man ja nicht unterstellen können, dass der böse Konzern die Transparenz scheut und ganz Deutschland abfotografiert, nur das eigene „Gebäude“ nicht …

Pannen und Probleme

Und was hat die Online-Redaktion der Süddeutschen Zeitung zum Thema zu bieten? Ratet mal. Vorschlag: Ich nenne euch die zentralen Begriffe aus dem entsprechenden Artikel und ihr sagt mir, wie die Online-SZ zum Thema Street View steht: Einspruch, Widerspruch, Problem, problematisch, Bedenken, unangemessen, Problemfälle, anstößig, Beschwerde, Widerstand, Eingriff, Privatsphäre, Aufregung, Lücken, Panne, Misstrauen, Fehler, Datenschutz, Staatsanwaltschaft.

Noch Fragen?

Schon vor einigen Wochen hat mich die pauschale „Dagegen“-Haltung im Zusammenhang mit Street View ziemlich geärgert. Viele, mit denen ich mich über das Thema unterhalten hatte, hatten schlicht nicht verstanden, was Street View ist (Live-Bilder? 3D-Darstellung?), und viele hatten die diffuse Meinung, das müsse doch irgendwie verboten sein (Mein Haus? Im Internet??). Beschäftigung mit dem Thema, bevor man sich ein Urteil bildet? Fehlanzeige. Statt dessen sagten mir einige meiner Gesprächspartner: Dann muss halt Google für Aufklärung sorgen und mir das besser erklären …

Aber so geht’s nicht, Freunde, Aufklärung ist seit Kant der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten (!) Unmündigkeit, daher darf ich im 21. Jahrhundert erwarten, dass man sich eine fundierte Meinung bildet, bevor man sie lautstark zum Besten gibt.

Aufklärung? Zu anstrengend!

Aber vielleicht verlange ich auch zu viel, wenn nicht mal die Meinungsmacher einer der größten (und ich bleibe dabei: renommierten) deutschen Tageszeitungen in der Lage oder willens sind, Aufklärung zu betreiben, sprich Chancen und Risiken abzuwägen und differenziert darzustellen.

Ach ja, Kant nennt übrigens auch Gründe, warum viele auf Aufklärung verzichten. Der wichtigste ist damals wie heute – Faulheit: „Es ist so bequem, unmündig zu sein.“

Nachtrag, 20. November: Der Süddeutschen war die eigene dürftige, einseitige und ärgerliche Berichterstattung gestern wohl selbst etwas suspekt. Heute werden auf der ersten Feuilleton-Seite ausführlich die Pros und Cons der Verpixelungen dargestellt. Ich halte manche der Argumente immer noch für Nebelkerzen („Vor allem aber kann Google die Bilder mit den vielen anderen Daten verknüpfen, die es über die Hausbesitzer sammelt …“ – welche Daten sollen das denn sein und wie sollen die einem Hausbesitzer zugeordnet werden?), aber darum geht es ja nicht. Immerhin findet nun jene reflektierte Betrachtung des Themas statt, die ich von „meiner“ Zeitung erwarte.

Nachtrag, 22. November: Heute beschäftigt sich die Süddeutsche wieder auf der ersten Feuilleton-Seite mit diesem Internet-Dings, genauer gesagt mit dem Web 2.0 Summit in San Francisco, noch genauer gesagt mit Twitter. Es geht um Geschäftsmodelle und Monetarisierung … Und zack, da ist sie wieder, die Überheblichkeit des SZ-Feuilletonisten, die mich manchmal an dieser Zeitung verzweifeln  lässt. Tweets? Sind allesamt „Eitelkeits-Updates“, meint der Verfasser, der auch sonst durchblicken lässt, dass er von diesem neumodischen Zeug nicht viel hält. Macht aber eigentlich nichts, denn beschäftigt hat er sich mit dem Thema eher peripher – sonst würde er nicht schreiben, dass man bei Twitter „160 Zeichen“ zur Verfügung hat. (Kleiner Tipp: das war dieses SMS-Dingsbums, nicht mehr ganz so neumodisch, aber auch total überbewertet.)

5 Gedanken zu “Google Street View – der natürliche Feind der Süddeutschen Zeitung

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