Über guten und schlechten Kaffee

Ich liebe Kaffee. Guten altmodischen deutschen Filterkaffee. Ohne Crema, Milchschaum, Schnörkel und Schnickschnack. Schwarz wie die Nacht, stark und kultiviert wie ein Reihensechszylinder von BMW …

Ohne Milch und Zucker. Weder aus einem 1.000-Euro-Jura-Hightech-Automaten noch aus einer altersschwach röchelnden und inkontinent tröpfelnden Kaffeemaschine, sondern mit dem Handfilter zubereitet. (Wozu bitte braucht man auch eine Maschine, um heißes Wasser auf Kaffeepulver zu schütten?)

Frisch gemahlen statt pulverisiert und vakuumverpackt

Und weil das so ist, habe ich mir zu Weihnachten eine Kaffeemühle gegönnt. Nein, keine Handmühle wie bei Großmuttern im Räuber Hotzenplotz, auch wenn’s so schön nostalgisch ist, sondern eine elektrische von Bodum, die flott und relativ leise meine Kaffeebohnen mahlt. Seit einigen Wochen mahle ich also für jede Tasse Kaffee portionsweise und superfrisch die Bohnen statt sie aus Vakuum-Packungen zu löffeln, in denen sie gefühlte 17 Jahrhunderte lang pulverisiert gesteckt haben.

Ein deutlicher Gewinn an Qualität, will ich meinen.

Aber wie’s so kommt: Bei dieser Gelegenheit habe ich mir gleich unterschiedliche Kaffeebohnen gekauft, um mal zu testen, wie groß die Unterschiede sind und was man da schmeckt, wenn man verschiedene Bohnen frisch mahlt und aufbrüht und gegeneinander verkostet.

Beste Bohne? Na mal sehen …

Beste Bohne von TchiboEs traten also gegeneinander an: die Beste Bohne von Tchibo, die Volks-Bohne sozusagen, was man so landläufig für normalen Kaffee hält, eine Arabica-Mischung aus unterschiedlichen Regionen der Erde; und der Äthiopien Bio sowie der Brasilien von Contigo, einem Fairtrade-Kaffeeladen in Erlangen (und anderswo), ebenfalls 100 Prozent Arabica.

Der Äthiopien Bio ist ein Kaffee genau nach meinem Geschmack: Rauchig, erdig, ein bisschen nussig und mit erkennbarer Marzipan-Note. Ein bisschen adstringierend wie ein schwerer Rotwein mit reichlich Tannin. Kein Niemandsland-Kaffee, sondern ein charakterstarker Finsterling für kalte Winterabende. Der Brasilien ist deutlich milder, ein sanfter Kaffee mit Karamell- und Haselnuss-Noten, den man den ganzen Tag vor sich hin trinken könnte. Dagegen die 08/15 Tchibo-Bohnen. Immerhin auch als ganze Bohnen gekauft und frisch gemahlen. Und dennoch: Was für ein Unterschied! Ist das Kaffee oder sind das fiese kleine saure bittere Pillen, die meine Mühle da verarbeitet hat?

Guten Kaffee kann man auch kalt trinken

Beim Tchibo-Kaffee gibt es eindeutig ein dominantes Aroma: Jeder Schluck schmeckt nach saurem Wasser. Das stört schon, wenn der Kaffee noch heiß ist, und wird schier unerträglich, wenn er langsam abkühlt. Kalten Kaffee fand ich schon immer ekelhaft, weil er genau wie dieses Tchibo-Zeugs nach bitter-saurem Waschlappen schmeckt.

Aber Wunder über Wunder: Das gilt wirklich nur für schlechten Kaffee. Meine schönen Contigo-Kaffees schmecken auch kalt noch rund und rauchig und angenehm, keine Spur von waschlappiger zungenrollender geschmacksknospenvergewaltigender brandiger Bitterkeit, kein Gesicht verziehen beim letzten Schluck als hättet ihr in eine unreife Handvoll Sanddorn gebissen.

Wer hätte es gedacht: Qualität hat ihren Preis

Bio-Kaffee von ContigoDiese Qualität hat einen Preis – der Contigo-Kaffee ist ungefähr doppelt so teuer wie der Tchibo-Kaffee (der wiederum doppelt so teuer ist wie ein Kaffee bei Aldi, nebenbei bemerkt) – und wohl mehrere Gründe. Dass Contigo Fairtrade- und Biokaffee anbietet, ist schon mal schön für die Kaffeebauern und die Natur (und daher unterstützenswert), muss aber nicht automatisch zu höherer Qualität in meiner Tasse führen.

Für Qualität sorgt meiner Erfahrung nach nicht zuletzt zweierlei, zumindest ist das bei Wein so, von dem ich etwas mehr verstehe als von Kaffee: Sorgfalt im Umgang mit den Pflanzen und Sorgfalt bei der Verarbeitung der Pflanzen.

Qualität = Aufwand + Zeit

Je mehr Aufwand der Winzer im Weinberg und der Kaffeebauer in der Kaffeeplantage treiben, je mehr sie manuell statt maschinell machen, desto besser das Produkt. Das funktioniert in der Regel nur bei kleineren Anbauflächen.

Und je höher der Aufwand im Weinkeller und bei der Verarbeitung der Bohnen, desto besser. Das funktioniert in der Regel nur bei kleineren Betrieben, denn einer der wichtigsten Qualitätsfaktoren ist dabei: Zeit. Optimierte industrielle Prozesse müssen schnell ablaufen, da bleibt wenig Zeit für das Reifen des Weins, für das Rösten des Kaffees, aber auch für die Herstellung von Bier, von gutem Essen … da könnt ihr an Beispielen nehmen, was ihr wollt.

Turboröstung: Sag zum Aroma leise Servus!

Und weil industrielle Röstung schnell gehen muss, werden die Bohnen dort innerhalb von 90 Sekunden auf bis zu 600 Grad erhitzt und danach schnell wieder mit Wasser gekühlt. Aroma ade, willkommen ihr fiesen Säurebomben! Bei Contigo werden die Bohnen statt dessen langsam, etwa 20 Minuten lang, auf 200 Grad erhitzt und ebenso langsam durch Luftzufuhr wieder abgekühlt. Und zwar in kleinen Mengen, direkt im Laden, kurz vor dem Verkauf.

Und so kommt es, dass Tchibo zwar gute Marketingtexter hat, die viel von „Röstmeistern mit Erfahrung und Fingerspitzengefühl“ fabulieren, die „besondere Mischungen komponieren“ und „charakteristische Bohnen“ „individuell“ „veredeln“ und so weiter und so fort … Aber Contigo einfach den um Welten besseren Kaffee.

31 Gedanken zu “Über guten und schlechten Kaffee

  1. »Wozu bitte braucht man auch eine Maschine, um heißes Wasser auf Kaffeepulver zu schütten?« Die Diskussion hatte ich auch mit meiner Regierung, die mit der Argumentation »Eine ganze Kanne Wasser für die Gäste passt nicht mit einmal in den Handfilter. Und ich stell mich nicht daneben und gieß aus dem Wasserkocher nach.« durchaus recht hatte und so blieb der Handfilter aus Porzellan im Geschäft liegen…
    Aber frisch gemahlen wird bei uns schon lang. Kann man nur weiterempfehlen.

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  2. ich hab es sogar noch puritanischer und gieße das heiße Wasser schnöde über das Kaffeepulver. Der Satz setzt sich – deswegen heißt er ja so – und bleibt auch hübsch unten. Wer es weniger krümelig schätzt, der nimmt halt eine Kanne, mit der sich der Kaffeesatz runterschubseln lässt.

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  3. Ich würde ja gern auch noch zwei Röster aus Nürnberg erwähnen, die dem Slow Food Gedanken verwirklichen in Ihren lokal und slow gerösteten Produkten. http://fortezza-espresso.de/ (gerade auch vom Feinschmecker ausgezeichnet) und http://www.roesttrommel.de/ . Beide stellen allein schon durch ihren Einkauf faire Bedingungen sicher und bedürfen der Siegelei in diesem Bereich nicht.

    Ich persönlich bleibe bei meiner ollen „La Pavioni“ – das ist Espresso fast wie handgefiltert.

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  4. Kaffee selber mahlen. Klasse Sache, wahnsinns Duft in den Räumen. Gar nicht so einfach ein Mühle zu finden, die mahlt und nicht schreddert. Wenn Du die teure Bodum genommen hast, ist es tatsächlich ein Mühle. Die werde ich mir auch mal aus der Nähe ansehen. Ich „mahle“ Kaffee aktuell noch im Thermomix :-(

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  5. […] Nicht die Bohne: Chris­tian liebt Kaf­fee — „guten, alt­mo­di­schen, deut­sche Fil­ter­kaf­fee. Ohne Crema, Milch­schaum, Schnör­kel und Schnick­schnack.“ Daher hat er sich eine Kaf­fee­mühle ange­schafft und schrei­tet nun zum Ver­gleich: Wie schnei­det ein Fair-Trade-Kaffee gegen die „Volks-Bohne“ von Tchibo ab? Dazu gibt’s inter­es­sante Über­le­gun­gen zum Thema guter Kaf­fee vs. schlech­ter Kaf­fee. Chris­tian Bug­gischs Blog […]

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  6. Ich habe mir vor einigen Wochen eine elektrische Kaffeemühle gekauft, weil meine Lieblingskaffees zu teuer sind, um sie gemahlen zu bestellen. Der Geschmacksverlust wäre zu groß. Nun genieße ich an besonderen Tagen hawaiianischen Kona-Kaffee oder Ruanda-Kaffee aus einer kleinen Rösterei in Mönchengladbach. Der einzige Tchibo-Kaffee, der bei mir nicht komplett durchgefallen ist, heißt Schattenwaldbohnen. Für Alltags oder den schmaleren Geldbeutel durchaus okay. Ich filtere mit der Philips Café Gourmet. Die kommt dem Handfilter am nächsten, der bei mir für zu viele Überschwemmungen gesorgt hat.

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    • Klingt gut! Und jeder hat natürlich so einen Alltags-Kaffee, der gut, aber nicht überragend sein muss. Bei mir ist das der Büro- und Arbeitskaffee, den ich tagsüber so vor mich hin trinke. Und zu Hause dann eben was Besonderes …

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  7. Wer die Anschaffung einer Mühle scheut, sollte mal von Dallmayr Rarität die Sorte „Kilimanjaro“ anschauen verkosten. Gibt’s gemahlen oder als ganze Bohne. Ich denke als 97%er Teetrinker „meinen“ Kaffee endlich gefunden zu haben. Die Idee mit der Mühle finde ich gut und werde kurz vor meinem Geburtstag nochmal daran denken (lassen).

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  8. Hach ein nettes Thema :)
    Ich selber mahle für meine tägliche Tasse(n) frisch und brühe von Hand auf.
    Finde ich schön diese paar Minuten in denen man diesen Genuß zelebriert.
    Nichts desto Trotz steht auch die Jura in der Küche, nein nicht die um 1000 Euro , die um 600 :D und nein, ich hätte sie mir nicht gekauft. Meine Eltern machten mir dieses Geschenk frei nach dem Motto so etwas brauchen Kaffeetanten wie unsere Tochter.
    Also Latte, Cappuchino und co in der Jura wennn ich alleine bin einfach nur schönen frischgebrühten Kaffee! (Übrigens, kein Zucker aber etwas Milch)

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  9. Hallo zusammen, es ist sehr interessant und spannend die verschiedenen Erfahrungsberichte zu lesen. Wir beschäftigen uns momentan auf unserem Blog „Eine Woche Ohne“ mit dem Verzicht auf Zigaretten, Kaffee und Energydrinks. Ein Besuch ist die Webseite http://www.g0ldenb33-4.de/ auf jeden Fall wert :) Ganz liebe Grüße und weiterhin viel Durchhaltevermögen!

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  10. Ich mahle meinen Kaffee mit der guten alten Kaffeemühle! Ich habe schon mal einen elektrische gehabt, war davon aber nicht überzeugt! Es waren immer noch Klumpen dabei und kein schön gemahlener Kaffee! Deshalb bleibe ich bei der alten Variante :) Aber das Aroma vom frisch gemahlenem Kaffee ist einfach das Beste :)

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  11. Hi,

    den Satz: „Guten Kaffee kann man auch kalt trinken“ schreibe ich schon seit Jahren in meinem Blog :) Und es stimmt auch einfach! Bei Familienfeiern machen wir uns immer unbeliebt, weil wir unseren eigenen Kaffee mit bringen. Du hast recht, Qualität hat ihren Preis – gerade bei Kaffee.

    Beste Grüße aus Berlin,
    Arne

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    • Es zeugt von schlechten Manieren, den eigenen Kaffee zu Familienfeiern mit zu bringen. Dies ist ein Affront gegenüber den Gastgebern und beweist krankhaften Narzissmus. Wichtigtuerei.

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  12. Der Artikel spricht mir aus der Seele. Ich bin auch ein totaler Kaffee-Liebhaber und arbeite sogar in einer Kaffeerösterei. Ich sitze also direkt an der Quelle und weiß, dass Qualität ihren Preis hat. Und höchste Qualität können große Anbieter gar nicht gewährleisten, weil alleine der optimale Röstvorgang so aufwendig ist (z.B. weil alle Kaffeebohnen einer einheitlichen Größe entsprechen müssen um Verbrennungen zu vermeiden), dass dieser bei größeren Mengen nicht mehr manuell zu betreiben ist. Jeder, der den Kaffee als Genussmittel und nicht nur als Wachmacher sieht, dem kann ich deshalb nur raten zu einer kleinen Kaffeerösterei in der Nähe zu gehen. Dort kann man in der Regel nicht nur die Bohnen vor dem Kauf anschauen, sondern auch eine Tasse vorab probieren. Bei uns kann man z.B. auch einen Blick hinter die Kulissen schauen.

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  13. Ich hatte gerade den Tschibo Beste Bohne probiert und war kurz vorm kotzen, sowas Eckelhaftes hatte ich noch als „Kaffee“ untergemogelt bekommen.
    Deshalb habe ich mal gegoogelt und bin auf dieses Forum gestossen. So ein seltsamer Beigeschmack der alles dominiert, irgendwie an nussähnlich, süsslich dazu der sauere Grundton wie bei allen Tschibos. Was ist da drinn? Das ist alles aber kein Kaffee.

    Was mich an diesen „Fernsehkaffees“ immer wundert: Wenn man die Packung aufreist riecht es nach … nix. Geschmack meist sauer (Eduscho, Jakobs, Tschibo) oder bitter mit starken Nebenwirkungen nach Genuss (Melita, alles was von Darboven und was sie unter anderem Namen produzieren) wie Kopfschmerzen, Übelkeit den ganzen Tag über. Alles ungeniesbarer Schnellröstschrott. Selbst die Hausmarken von den Discountern schmecken besser, zumindest nicht sauer und verursachen keine Nebenwirkungen, nur sind die auch aromaschwach.

    Den besten Kaffee gibts bei kleinen Röstereien.

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  14. Vielen Dank für den guten Artikel. Er lässt jedoch einen Punkt aus. Bewusst, wie ich lese. Wie man mit einem Vollautomaten guten Kaffee macht.
    Im Büro wird vorwiegend Kaffee getrunken und da bedarf es einer Lösung, die geschmacklich auch passt.
    Da der Kaffee aber eher zügig bezogen werden und der Aufwand klein sein muss, fallen die Vorschläge hier wie Handfilter oder FrenchPress raus.

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